Tour 70 Tag 10

Lang der Lahn lang laufen

… das kostet meine Unterbringung heute Nacht mit Frühstück (am Ende mehr dazu).

Als Vorbereitung für den Tag kreiere ich den obigen Zungenbrecher. Die Entscheidung war heute klar: die Radeinstellung führt mich weitestgehend am Fluss entlang, während die Wanderoption mich 400 Meter hoch und runter schickt.

Aber zuerst gehe ich noch kurz in die Stadt und frühstücke in einer Bäckerei.

Dann geht es los. Der Weg verläuft auf der Industriestraße bis zum Ende der Stadt. Als ich gleichzeitig in den Ort Diez komme, verlasse ich Hessen und betrete Rheinland Pfalz. Kein Hinweis, keine Begrüßung!

Die ersten paar Kilometer sind öde. Der Bahnhof Diez erweist sich als Lost Place, wie schade!

Der Rest des Ortes wirkt auch nicht viel fröhlicher. Das mag aber auch daran liegen, dass ich ihn mit dem rausgeputzten Limburg vergleiche und die Sonne sich noch nicht ganz heraus traut.

Immerhin, die Stadt weist Burg, Schloss und hübsche Fachwerkhäuser auf!

Und dann hurra, endlich die Lahn!

Ich falle an diesem Uferweg in den erwünschten meditativen Wanderzustand.

Die Rohstoffe der Region wurden aus den umliegenden Gruben teilweise direkt zu den Lastschiffen gebracht. Dazu gab es Verladestationen, von denen heute nur noch hässliche Betonwände zu sehen sind.

Ich lebe in friedlicher Koexistenz mir Radler:innen. Auf einmal gibt es vor einem Schild eine Ansammlung. Ist die Brücke gesperrt oder nicht? Und wenn nein, warum steht dann dieses Verbotsschild? Ein Experte verkündet, dass die Brücke frei sei und alle fahren mehr oder weniger zögerlich los. Meine Füße fangen auch wieder an sich zu bewegen.

Dann ist es Zeit für die Mittagspause, ein sehr zentrales Bänkchen. Grüße werden ausgetauscht mit Radler:innen und Wandervögeln. Selbst eine Joggerin kommt mir entgegen. „Guten Appetit!“ „Danke!“ „Kommen wir wirklich auf der Brücke nach Balduinstein rüber?“ „Es heißt ja!“

Ich habe auch die Lahn im Blick und den „lebhaften“ Verkehr auf dem Wasser. (Das war alles in einer Dreiviertelstunde.)

„So einen tollen Platz würde ich auch gerne mal für unser Womo finden!“ Mein Gegenüber lacht freundlich. „Ich darf hier nur zum Angeln stehen.“ „Habe ich mir fast schon gedacht.“

Kurz vor der Brücke noch einmal Drohgebärden, die mich stark beeindrucken. Es geht dann doch! Was soll das ganze Theater zumindest heute?

Es gibt eine großen Parkplatz für Reisende zur Burg. Balduinstein ist ein kleiner Ort mit drei beeindruckenden Hotels, von denen leider zwei für immer geschlossen haben. Ansonsten gefällt altes Gemäuer. Wer hat schon einen solchen Turm im Garten?

Ich mogle: Eine Lahnschleife wird abgekürzt und ich muss dafür ewig diese Kreisstraße hoch keuchen. Zwischendurch gibt es kurz schöne Aussicht. Bergab wird es dann angenehmer und ich bin erleichtert, als nach Überquerung einer Fußgängerbrücke wieder auf den Lahnweg gelange.

Die letzten drei Kilometer ereignet sich nichts Besonderes mehr. (Es ist wirklich nichts Besonderes, dass mir langsam wieder die Füße weh tun und ich gerne schneller am Ziel wäre.)

Ich komme in mein Hotel und da erlebe ich dann etwas Besonderes, nämlich eine (Alp)traumreise in die Vergangenheit. Die Einrichtung hilft mit, wahlweise dreißig bis fünfzig Jahre alte Erinnerungen wachzurufen. Eigentlich doch schön? Aber damals störte mich beispielsweise noch nicht, dass es kaum Steckdosen in einem Zimmer gab. (Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, dass ich bei einer Langstreckenwanderung gezwungen sein würde, jeden Abend drei Geräte aufzuladen.) Ich hätte kein Nachttischchen am Bett oder gar Licht, nein nicht einmal einen Lichtschalter erwartet. Ich wäre mit diesen Scheußlichkeiten in Blau völlig zufrieden gewesen.

Dann setzte ich mich auf die Terrasse mit den Stühlen, deren Bespannung teilweise brüchig geworden ist, und schaue auf den dunkelgrünen Fluss herunter.
Meine Tochter ruft mich an, als ich anfange mich zu entspannen: genau der richtige Zeitpunkt! Es ist alles gut so.
Ich bekomme sogar eine Ofenkartoffel mit frischem Salat zum Essen, so wie ich es liebe. Die Leute verstehen mein Deutsch zwar nicht immer auf Anhieb, aber sie sind sehr freundlich.

Jetzt liege ich in meinen Einzelbett und fühle mich, als ob ich vor den Eltern hätte schlafen gehen müssen und sie später noch kommen würden.
Ach, wie bin ich verwöhnt, nach den hervorragenden Unterbringungen seit Beginn meiner Wanderung! Aber – ach, eigentlich macht mir das überhaupt nicht viel aus. Die Bilder des Tages, die schönen Erinnerungen genügen mir gerade voll und ganz…

 

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