Tour 70 Tag 12

Bis zur Lahnmündung

Die aufgehende Sonne zwinkert mir freundlich zwischen den Bäumen zu, als ich aus meinem Zimmerfenster blicke.

Beim Frühstück erscheint diese wenig erfreuliche Nachricht. Es tut mir leid, dass ich im ersten Schock erst um eine Lösung für mich bemüht bin, statt Konrad gute Besserung zu wünschen. Freundlicherweise bucht er mir sofort ein Hotel und ich passe mich der veränderten Situation an.
Was soll ich machen, wenn ich in Lahnstein bin? Ich will nicht nach Hause bei dem schönen Wetter. Ich könnte vielleicht noch ein wenig auf den Spuren meiner Route 66 am Rhein laufen?

Ich kann mich nicht erinnern, dass bei mir vor heute jemals Freude über eine Sperrung aufkam. Meine Wirtin erzählte, dass ich diese Straße ungehindert nach Nassau laufen kann, da heute – am Sonntag – keine Bauarbeiten stattfinden. Juhu!!!

Ich genieße die Situation und laufe die 300 Höhenmeter munter in der Mitte auf der Straße runter. Das fühlt sich wesentlich bequemer an, als gestern der Aufstieg auf den Waldwegen. Ich muss auch keinem Fahrrad oder Auto ausweichen. So ruhig werde ich es im Verlauf des weiteren Tages nicht mehr haben.

Ich erfinde das Spiel „Wo versteckt sich die 70?“

Ich sehe zum ersten Mal Smileys im Profil.

Ich komme unten an. An dieser verwunschenen Villa bin ich gestern erst vorbei gelaufen.

Ich komme zur Lahn und überquere gleich ein Wasserkraftwerk mit Schleuse.

Das malerische Örtchen Dausenau liegt auf der anderen Seite des Flusses.

Es ist Sonntag. Ich teile mir den Weg entlang der Lahn mit den Menschen, die Rad oder Roller fahren,  die wandern oder joggen, spazieren gehen oder sich mit Walkingstöcken fortbewegen. Am häufigsten sind Paare auf E-Bikes. Es tummeln sich aber auch ganze Familien oder Leute mit Rennrad auf den manchmal schmalen Wegen.

Es ist heiß. Ich fühle mich, als ob ich eine Wüstenwanderung machen würde, weil Schatten fehlt. „Habe ich überhaupt genug Wasser für diese Spätseptemberhitze dabei?“ Die Erlösung folgt gleich zu Beginn von Bad Ems. Danke für die Spende aus der Heilquelle.

Bad Ems ist der Hammer!!! Ich hatte zuvor keine Ahnung davon. Mit der Bezeichnung „Great Spa Town of Europe“ wurde es 2021 vom UNESCO- Welterbekomitee als Welterbestätte aufgenommen (einer von 11 Kurorten in sieben Ländern????).

Es ist heiß, das Handy muss aufgeladen werden und die Blase drückt. Viele  Gründe sprechen für diesen Eiskaffee im Kurpark. Er belebt und erfrischt zugleich.

Auch der Anblick der Fontäne lässt die Hitze vergessen.

Die folgenden zwölf Kilometer verlaufen  relativ angenehm. Es gibt immer wieder Schatten und gelegentlich versteckt sich sogar die Sonne. Ich fange langsam an, mich von der Lahn zu verabschieden. Der Fluss erweckt überhaupt nicht den Eindruck, so kurz vor dem Ende zu sein.

„Ein Hausboot ist ja eigentlich wie ein Wohnmobil auf dem Wasser…“ fällt mir bei diesem Anblick ein.

Die Dichte von Schleusen und geparkten Jachten oder Booten nimmt erheblich zu. Manche Wasserfahrzeuge besitzen sogar ein eigenes Törchen.

Ich bin in Lahnstein angekommen und will die Mündung sehen, den Abschiedsschmerz zelebrieren.

Die Lahn spielt da nicht mit, denn sie teilt sich und ein großer Arm entzieht sich meinen Blicken. Ich stehe vor den letzten Metern des vollständigen Flusses.

Dann laufe ich zur Mündung des restlichen Arms und schließe an dieser Stelle nach 12 Tagen meine Lahnwanderung ab. (Aber nicht die Tour 70!) – Es waren einzigartige Erfahrungen, auf die ich bestimmt später noch einmal eingehe. Ich fühle mich ruhig und dankbar.

Auf der Suche nach dem Abendessen gibt es letzte Abschiedsfotos vom Fluss.

Im Alten Rathaus fühle ich mich gut aufgehoben und bedanke mich innerlich bei Konrad, der mir das trotz Krankheit organisiert hat. ❤️

 

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