Abschied
Ich erfreue mich an einem letzten Sightseeing in Boppard.
Um elf musste ich auschecken, durfte aber den Gustav im Flur stehen lassen. Ich werde ihn holen, wenn Martina und Bernd da sind.
Auf einer Bank am Römerkastell vor dem Hotel blicke ich auf die Tour 70 zurück, indem ich mir selbst Fragen stelle, die ich dann nach und nach beantworte.
Wie ist dein Gesamteindruck?
Die Tour 70 ist rundum gelungen, kein Wunder bei diesen Wetterbedingungen. Es waren vielleicht eineinhalb Stunden Regen und ein paar Stunden Hitze, die mich beeinträchtigten. Ansonsten freute ich mich über hervorragende Wanderbedingungen, erstaunlich für Ende September!
Es war interessant einen Fluss kennen zu lernen, von dem ich vorher nicht viel wusste.
Mir ist eigentlich immer noch nicht bewusst, warum die Entscheidung für diese Gegend gefallen war. Mein Unterbewusstsein hat da wohl gut für mich gesorgt.
Was hätte ich gerne anders gehabt?
Eigentlich nichts, was ich hätte beeinflussen können. Manchmal wäre ich gerne gelassener gewesen, manchmal hätte ich gerne mehr Energie und Zeit gehabt. Im Programm Komoot könnte ich mir Einstellungen vorstellen, die noch mehr geholfen hätten. Aber gerade die Überwindung von Herausforderungen stellte wieder einen Teil des Reizes des Wanderns dar: Ich komme am Ende klar, halte durch (oft weil ich überhaupt keine andere Wahl habe), genieße es am Ende des Tages, wie sich die Füße langsam entspannen.
Was stimmte mich traurig?
Es ist immer das Gleiche: Am Ende einer Wanderung fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass auf einmal alles plötzlich vorbei sein soll. Ein letztes Mal den Gustav packen. Wanderbluse und -schuhe verschwinden in den Tiefen meines Rucksacks. Ohje, kein Profil mehr… Für die nächste Langstreckenwanderung wird wohl ein neues Paar fällig sein. Aber in nächster Zeit werde ich mich bestimmt nicht mehr für die Wandersachen interessieren.
Diesmal stimmte mich auch der veränderte Rhein und die Spätseptemberhitze traurig: Klimawandel!
Was gefiel mir besonders gut?
Ich habe einen Eindruck von vielen Orten gewonnen, die vorher nur Namen für mich waren. Mir fiel manchmal viel Blödsinn ein, wie beispielsweise in „Sicherheitshausen“. Ich liebte alle Eyecatcher. Ich genoss die zahlreichen kleinen Begegnungen, das freundliche Grüßen und den häufigen Smalltalk – so wie ich es mir zuvor gewünscht hatte.
Mir gefielen auch die Rückblicke jeden Abend, als ich meist im Bett bis Mitternacht an meinen Blogbeiträgen schrieb. Ich schlief fast immer gut, viel besser als zuhause.
Eigentlich war alles ganz unkompliziert, manchmal sogar im positiven Sinne langweilig: kein Diebstahl, keine Horrornachrichten, kein Technikabsturz. Niemand richtete auch nur ein einziges böses Wort gegen mich.
Wie immer war es dieses angenehme Leben jenseits des normalen Alltags: die große Freiheit in Kombination mit detailliertem Geführtwerden. Ich brauchte mir keinen Kopf um Vorgänge wie Packen, Kochen oder Einkaufen zu zerbrechen. Alles war routiniert.
Mir gefiel gestern auch, noch einmal an die Wanderung nach Wuppertal zu denken, die ja meine Begeisterung am Alleinwandern erst auslöste. Ich konnte auf dem Weg, den ich schon einmal gelaufen bin, deutlich spüren, wie ich mich in den letzten vier Jahren verändert habe.
Wie siehst du den Unterschied zwischen der Lahn und den anderen Flüssen, an denen du gewandert bist?
Der Fluss war vielleicht etwas unspektakulärer als Rhein und Donau. Aber dafür habe ich die vielen alten Städte, Schlösser und Burgen als ganz besonders reizvoll empfunden.
Was waren Highlight?
Das ist schwer zu sagen… Ich war nach dem 3. Tourtag – dem Smiley-Tag – recht ergriffen, als sich meine zunächst verhaltene Wanderlaune von Grund auf wandelte.
Highlights waren die positiven Überraschungen, beispielsweise als ich um die Ecke lief und auf einmal vor der Badenburg stand.
Und als ich die Lahnmündung gestern am Morgen ein letztes Mal sah, atmete ich ganz tief vor Rührung und Stolz.
Was hast du über den Fluss gelernt?
Schon zu Zeiten der Römer war die Lahn ein wichtiger Handels- und Transportweg. Die grüne Farbe des Flusses, im Dialekt „Lohn“ genannt, soll für den Namen ausschlaggebend gewesen. Die Lahn ist genau 245,6 Kilometer lang. Am Dutenhofer See, an dem ich am Tag 4 vorbei gelaufen bin, liegt Lahn-km 0. Ab Wetzlar (Lahn-km 12,22) ist der Fluss Bundeswasserstraße. Die Kilometrierung beginnt im Minusbereich, bei Gießen mit -11, und endet an der Mündung mit 137.
Für was bin ich dankbar?
Wie schön, dass Konrad irgendwie mit mir unterwegs war, nicht nur als Quartiermanager. Täglich gab es mindestens zwei Telefonate. ❤️❤️❤️
Jede einzelne schriftliche Reaktion aus der Familie, von Freundinnen und Freunden erfreute mich.
Ich bin dankbar, dass ich die Etappen jeden Tag gesund und unverletzt überstanden habe. Die einzige Blase produzierte ich am letzten Lahntag.
Tour 70: Mit 70 Jahren war ich noch nicht zu alt dafür…
Mit Gustav und ganz vielen guten Erinnerungen im Gepäck darf ich mit meinen Nachbarn nach Hause fahren. Unterwegs laden wir uns und das Auto mit Energie auf. Am späten Nachmittag ist dann die Tour ganz zu Ende und ich umarme Konrad. Ich bin nur glücklich und müde. Tschüss…












Liebe Barbara – was für eine Wanderung, was für tolle Fotos und Deine Berichte dazu, alles sehr beeindruckend. Beeindruckend wie auch Deine Energie. Und was für ein schöner und stimmiger Abschluss, nachdem es erst mal anders kam. Ganz ❤️-lichen Dank, dass ich an all dem teilhaben durfte ????
Christa
Liebe Barbara,
toll war es, dir zu folgen ????!
Bewundernswert war es wieder deine Energie, deinen Mut und deine Motivation mitzuerleben ????!
JMEW
Liebe Barbara, spannend war es, deine Etappen am Lahnweg miterleben zu dürfen. Die Wandersicht ist eine noch intensivere als die Sicht mit dem Fahrrad, die Bruno und ich hatten. Schön, dass dir die Tour so gut gefallen hat. Liebe Grüße, wir sind gerade an Marburg vorbeigefahren. Brigitte