Tour 70 Tag 11

Und wieder lockt die Lahn…

„Die Lahn langmütig lachend langsam lang laufen…“ – bastle ich mir für heute zusammen. Es soll „nur“ 15 Kilometer weit von Laurenburg nach Nassau gehen. Dabei brauchen sich nicht unbedingt die Mundwinkel nach oben zu ziehen, aber die Seele wird lachen, so wünsche ich mir das.

Was sehe ich da kurz nach dem Aufstehen aus dem Fenster? Oh, oh… Der  Herbst macht sich bemerkbar. Die Lahn dampft.

Als ich noch vor zehn Uhr das Hotel verlasse, ist schon alles vergessen.

Selbst in Laurenburg: Hat hier wirklich jeder Ort sein Schloss und/oder Burg?

Manchmal muss ich einfach über Ortsnamen lachen.

Erst will ich innerlich ein wenig maulen, als ich sehe, dass die B 417 mein Weg sein soll. Aber dann: kein Problem. Der Radweg ist breit und die Sicht auf den Fluss perfekt. Vielleicht wächst hier sogar ein Rohstoff fürs Lahnbräu?

Und irgendwann verschwindet die Bundesstraße. Ich komme an eine Schleuse, warte und filme dann fasziniert, wie zwei Paddelboote ausgespuckt werden. „Können wir das Video haben?“ „Klar, aber Ihr müsst erst einmal zu mir an Land kommen!“ Das schaffen sie nicht. Ich sehe eine Weile später, dass sie links an Land gehen. Zu mir geht es aber auf der anderen Seite. Außer Winken ist kein Kontakt möglich.

„Sie erreichen bald einen der schönsten Orte an der Lahn, Obernhof.“ zumindest die Vermarktung am Wegesrand ist gut. Auf meiner Route kann ich nichts dergleichen beobachten. Doch die Brücke lässt weit blicken.

Dann schnaufe ich wieder einen Berg hoch und diesmal habe ich nichts dagegen, denn Kloster Arnstein lockt.

Die Anstrengung lohnt sich wirklich. Ich könnte sogar im Klostercafé einkehren, habe aber keine Lust. Viel lieber nachher auf einer Bank mein Käsebrötchen essen, das ich mir beim Frühstück richten durfte.

Die Wirkung der Klosterkirche wird leider durch Baustellencharme beeinträchtigt. Also jetzt Picknick! Ich finde beim Kloster keinen netten Schattenplatz. „Dann halt weiter bis zur nächsten Bank!

Runter ist schon wieder angenehmer.  Die Lahn, schimmert rechts zwischen den Bäumen durch.

Im Hintergrund sehe ich noch einmal das Kloster und das Schloss Langenau auf der anderen Flussseite.

„Kommen Sie hierher, da haben Sie die perfekte Aussicht!“ „Danke!“ Ein Ehepaar sitzt auf „meiner“ nächsten Bank. Soll ich sie fragen, ob ich mich dazu gesellen darf oder geduldig weiter laufen?
„Wollen Sie sich zu uns setzen?“ „Ja, gerne!“ Und es ergibt sich wieder eine Dreiviertelstunde lang eines der Gespräche, die ich so schätze. Hauptthema: „katholische Kirche“ und der Auslöser war TvE, der ehemalige Limburger Bischof. Wir sind uns in allen Punkten einig.

Nassau kommt immer näher. Schon wieder eine Burg!

Aber ja, der Namen „Nassau“ ist ganz bekannt im Zusammenhang mit Fürstenhäusern. Ich lese: „Die Burg (oben) ist Wiege europäischen Hochadels und das Schloss (in der Stadt) gehörte gehörte der Reichsritterfamilie vom und zu Stein.

Der Name kommt mir aber auch durch meinem Vater bekannt vor. Der pflegte zu fragen: „Wisst Ihr was Nassauen ist?“ „Wenn einer zum Essen eingeladen ist und er die ganze Familie mitbringt, damit sie sich auf Kosten des Gastgebers sattessen kann. Das ist Nassauen.
Erst hier vor Ort recherchiere ich, woher der Begriff  eigentlich kommt. Ich lese die Geschichte dazu: Von 1817 bis 1892 hatte das Herzogtum Nassau keine eigene Landesuniversität. Die Uni Göttingen musste herhalten. In Absprache mit den Gastronomen stiftete der gütige Herzog Wilhelm für arme Studenten einen Freitisch für seine Landeskinder. Aber auch andere arme Studenten gaben sich als Nassauer aus und setzen sich an diesen Freitisch.
„Nassauen“ meint seither: sich auf Kosten anderer ohne Gegenleistung aushalten lassen.

Ich hätte mir aufgrund solcher Bekanntheit eine gediegene, selbstbewusste Stadt erwartet. Stattdessen beginnt heute das wichtigste und einzige Fest des Jahres, der Michaelsmarkt.

Ich sehe nur Trubel statt Gediegenheit. Was diese kleine Stadt da so auf die Beine stellt! Bei aller Berühmtheit gibt es hier nur 4800 Einwohner:innen. (allein Jettingen hat ja schon über 8000).

Ich esse auf der Terrasse des Gasthauses Zur Krone, in dem ich auch übernachten werde. Mir geht es gut. Ich brauche kein Volksfest und keinen Trubel. Aber es gefällt mir schon, durch der Luftballonstart und die angenehme Musik der Blaskapelle ein wenig in das Fest einbezogen zu werden.

 

 

 

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