Tour 70: Nachlese

Abschied

Ich erfreue mich an einem letzten Sightseeing in Boppard.

Um elf musste ich auschecken, durfte aber den Gustav im Flur stehen lassen. Ich werde ihn holen, wenn Martina und Bernd da sind.
Auf einer Bank am Römerkastell vor dem Hotel blicke ich auf die Tour 70 zurück, indem ich mir selbst Fragen stelle, die ich dann nach und nach beantworte.

Wie ist dein Gesamteindruck?

Die Tour 70 ist rundum gelungen, kein Wunder bei diesen Wetterbedingungen. Es waren vielleicht eineinhalb Stunden störender Regen und ein paar Stunden Hitze, die mich beeinträchtigten. Ansonsten freute ich mich über hervorragende Wanderbedingungen, erstaunlich für Ende September!
Es war interessant einen Fluss kennen zu lernen, von dem ich vorher nicht viel wusste.
Mir ist eigentlich immer noch nicht bewusst, warum die Entscheidung für diese Gegend gefallen war. Mein Unterbewusstsein hat da wohl gut für mich gesorgt!

Was hättest du gerne anders gehabt?

Eigentlich nichts, was ich hätte beeinflussen können. Manchmal wäre ich gerne gelassener gewesen, manchmal hätte ich gerne mehr Energie und Zeit gehabt. Im Programm Komoot könnte ich mir Einstellungen vorstellen, die noch mehr geholfen hätten. Aber gerade die Überwindung von Herausforderungen stellte wieder einen Teil des Wanderreizes dar: Ich komme am Ende klar, halte durch (oft weil ich überhaupt keine andere Wahl habe), genieße es am Ende des Tages, wie sich die Füße langsam entspannen.

Was stimmte dich traurig?

Es ist immer das Gleiche: Am Ende einer Wanderung fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass auf einmal alles plötzlich vorbei sein soll. Ein letztes Mal den Gustav packen. Wanderbluse und -schuhe verschwinden in den Tiefen meines Rucksacks. Ohje, kein Profil mehr… Für die nächste Langstreckenwanderung wird wohl ein neues Paar fällig sein. Aber in nächster Zeit werde ich mich bestimmt nicht mehr für die Wandersachen interessieren.
Diesmal stimmte mich auch der veränderte Rhein und die Spätseptemberhitze traurig: Klimawandel!

Was gefiel dir besonders gut?

Ich habe einen Eindruck von vielen Orten gewonnen, die vorher nur Namen für mich waren. Mir fiel manchmal viel Blödsinn ein, wie beispielsweise in „Sicherheitshausen“. Ich liebte alle Eyecatcher. Ich genoss die zahlreichen kleinen Begegnungen, das freundliche Grüßen und den häufigen Smalltalk – so wie ich es mir zuvor gewünscht hatte.
Mir gefielen auch die Rückblicke jeden Abend, als ich meist im Bett bis Mitternacht an meinen Blogbeiträgen schrieb. Ich schlief fast immer gut, viel besser als zuhause.
Eigentlich war alles ganz unkompliziert, manchmal sogar im positiven Sinne langweilig: kein Diebstahl, keine Horrornachrichten, kein Technikabsturz. Niemand richtete auch nur ein einziges böses Wort gegen mich.
Wie immer war es dieses angenehme Leben jenseits des normalen Alltags: die große Freiheit in Kombination mit detailliertem Geführtwerden. Ich brauchte mir keinen Kopf um Vorgänge wie Packen, Kochen oder Einkaufen zu zerbrechen. Alles war routiniert.
Mir gefiel gestern auch, noch einmal an die Wanderung nach Wuppertal zu denken, die ja meine Begeisterung am Alleinwandern erst auslöste. Ich konnte auf dem Weg, den ich schon einmal gelaufen bin, deutlich spüren, wie ich mich in den letzten vier Jahren verändert habe.

Wie siehst du den Unterschied zwischen der Lahn und den anderen Flüssen, an denen du gewandert bist?

Der Fluss war vielleicht etwas unspektakulärer als Rhein und Donau. Aber dafür habe ich die vielen alten Städte, Schlösser und Burgen als ganz besonders reizvoll empfunden.

Was waren Highlight?

Das ist schwer zu sagen… Ich war nach dem 3. Tourtag – dem Smiley-Tag – recht ergriffen, als sich meine zunächst verhaltene Wanderlaune von Grund auf wandelte.
Highlights waren die positiven Überraschungen, beispielsweise als ich um die Ecke lief und auf einmal vor der Badenburg stand.
Und als ich die Lahnmündung gestern am Morgen ein letztes Mal sah, atmete ich ganz tief vor Rührung und Stolz.

Was hast du über den Fluss gelernt?

Schon zu Zeiten der Römer war die Lahn ein wichtiger Handels- und Transportweg. Die grüne Farbe des Flusses, im Dialekt „Lohn“ genannt, soll für den Namen ausschlaggebend gewesen sein. Die Lahn ist genau 245,6 Kilometer lang. Am Dutenhofer See, an dem ich am Tag 4 vorbei gelaufen bin, liegt Lahn-km 0. Ab Wetzlar (Lahn-km 12,22) ist der Fluss Bundeswasserstraße. Die Kilometrierung beginnt im Minusbereich, bei Gießen mit -11, und endet an der Mündung mit 137.

Für was bist du dankbar?

Wie schön, dass Konrad irgendwie mit mir unterwegs war, nicht nur als Quartiermanager. Täglich gab es mindestens zwei Telefonate. ❤️❤️❤️
Jede einzelne schriftliche Reaktion aus der Familie, von Freundinnen und Freunden erfreute mich.
Ich bin dankbar, dass ich die Etappen jeden Tag gesund und unverletzt überstanden habe. Die einzige Blase produzierte ich am letzten Lahntag.

Tour 70: Mit 70 Jahren war ich noch nicht zu alt dafür…

Mit Gustav und ganz vielen guten Erinnerungen im Gepäck darf ich mit meinen Nachbarn nach Hause fahren. Unterwegs laden wir uns und das Auto mit Energie auf. Am späten Nachmittag ist dann die Tour ganz zu Ende und ich umarme Konrad. Ich bin nur glücklich und müde. Tschüss…

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Tour 70 Ausklang

Nach Boppard

Ursprünglich dachte ich nach der Lahntour vielleicht noch einmal entlang des Rheins zu laufen, wie vor vier Jahren. Andere Richtung, andere Seite… Mir scheint jedoch, dass diese Vorstellung naiv war. Weder Wege noch Übernachtungsmöglichkeiten laden dazu ein. Dann halt noch eine Etappe meiner Route 66. Auf gleichen Wegen, nur rückwärts. Wie mag sich das anfühlen? Damals regnete es, heute wird es heiß. Konrad bucht mir treu wieder ein Hotel.

Erst mal frühstücken in unerwartet angenehmer Kelleratmosphäre.

Das Motiv des Bildes an der Wand  kommt mir doch bekannt vor: Lahnzoll!

Insgesamt ist es schon ein Prachtstück, mein Boutique-Hotel (war auch kein Schnäppchen)!

Ich werde heute noch einmal wandern und dann reicht es vermutlich. Strahlend blauer Himmel und traumhafte Wandertemperaturen neigen sich dem Ende zu. Von Boppard komme ich gut mit dem Zug nach Hause. Ich suche gerade Verbindungen raus, da meldet sich Martina, meine Nachbarin. Kurz darauf ruft sie mich an und verkündet, dass ich eine Mitfahrgelegenheit ab Boppard habe. Wie genial ist das denn!!! Wie lieb und was für ein Zufall!!! Ich beschließe, dies als Zeichen zu sehen, das mir zeigt, dass ich wirklich wieder nach Hause soll.

Ich komme noch einmal an der  Lahnmündung vorbei. Mittlerweile weiß ich, dass die erste Abzweigung in eine Art Becken mündet und die von mir bewunderte Lahnmündung wirklich die vollständige Lahn „enthält“. Der ganze Fluss vermischt sich vor meinen Augen mit dem Rhein. Nun endgültig Tschüss!!!

Ich freue mich, als ich den ersten Lastkahn sehe. Es werden viel weniger sein als vor vier Jahren und Kreuzfahrtschiffe wird es überhaupt nicht geben: Niedrigwasser!

Ich laufe erst Richtung Koblenz, um dort den Rhein überqueren zu können. Noch einmal ein Lost Place. Ist der Kran noch aktiv? Er sieht vergleichsweise fit aus.

Jetzt geht es über den Rhein und der Weg beginnt, den ich vor vier Jahren in die andere Richtung gelaufen bin.

Ich genehmige mir eine frühe Mittagspause mit Blick auf die Lahnmündung.
Die Emotionen der diesjährigen Wanderung unterscheiden sich erheblich von denen auf meiner Route 66. Aber das dürfen sie ja auch. Ich habe seither vier Jahre mehr Rentnerinnen-, Wander- und Lebenserfahrung auf dem Buckel.

Da ich in meinem Buch die damaligen Eindrücke festgehalten habe, gibt es viele detaillierte Erinnerungen: der Pfad auf dem mir eine Wasserkur von oben bis unten verpasst wurde, der Ort Rhens (den ich immer noch nicht besichtigt habe), der Gasthof, in dem am Sonntag zur Mittagszeit trocknen durfte, und natürlich auch die Kühe, die damals scheinbar vom Regen angewidert waren.

Es ist nicht mehr der Rhein wie vor vier Jahren. Die geringe Wassertiefe hat seinen Charakter verändert. „Der Rhein sieht auch aus wie die Lahn!“ verkündet mir ein Neunzigjähriger, nachdem er sich für meine Wanderung interessiert hat. Ja und nein antwortete ich innerlich. Die Lahn hat keine so breite Ufer. Erschreckend!

Ich kann mir gerade keine Regenwanderung mehr vorstellen. Heute bin ich zwar auch nass, aber vom Schweiß. Die Sonne heizt am Nachmittag erbarmungslos aus dem leicht trüben Himmel runter. Ich freue mich, als sie endlich hinter den Bergen verschwindet. Morgen soll es ähnlich werden. Diese Tatsache lenkt vom Abschiedsschmerz ab.

Hurra, ich bin bald am Ziel. Die Füße tun weh wie noch nie. Die letzen Stunden waren definitiv die anstrengendsten der ganzen Wanderung.

Im Hotel beende mit diesem Foto offiziell meine diesjährige Flusswanderung.

Das hindert mich aber nicht am Sightseeing. „Die Mauern und Türme eines römischen Kastell prägen Boppards Ortskern. Sie gelten als die am besten erhaltenen spätrömischen Festungsmauern Deutschlands…“ informiert eine Tafel. Das ist mir beim letzten Mal entgangen.

Die Kirche war schon weit aus der Ferne erkennbar.

“Natürlich“ ist wieder Weinfest…“

„Natürlich“ will ich wieder lieber beim Italiener einkehren, am liebsten bei dem vom letzten Mal. Die Räume sind leer. Es ist Montag. Dann sehe ich es: Alle sitzen draußen. Ja, es ist wirklich noch warm genug für ein Abendessen im Freien am Rhein.

Gute Nacht, Boppard, feier noch schön! Mich zieht es ins Hotel. Ich stelle gerne Bilder und Fakten des heutigen Tages zusammen, bin aber zu müde für eine Auswertung der Tour 70. Die wird morgen oder demnächst erfolgen.

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Tour 70 Tag 12

Bis zur Lahnmündung

Die aufgehende Sonne zwinkert mir freundlich zwischen den Bäumen zu, als ich aus meinem Zimmerfenster blicke.

Beim Frühstück erscheint diese wenig erfreuliche Nachricht. Es tut mir leid, dass ich im ersten Schock erst um eine Lösung für mich bemüht bin, statt Konrad gute Besserung zu wünschen. Freundlicherweise bucht er mir sofort ein Hotel und ich passe mich der veränderten Situation an.
Was soll ich machen, wenn ich in Lahnstein bin? Ich will nicht nach Hause bei dem schönen Wetter. Ich könnte vielleicht noch ein wenig auf den Spuren meiner Route 66 am Rhein laufen?

Ich kann mich nicht erinnern, dass bei mir vor heute jemals Freude über eine Sperrung aufkam. Meine Wirtin erzählte, dass ich diese Straße ungehindert nach Nassau laufen kann, da heute – am Sonntag – keine Bauarbeiten stattfinden. Juhu!!!

Ich genieße die Situation und laufe die 300 Höhenmeter munter in der Mitte der Straße runter. Das fühlt sich wesentlich bequemer an, als gestern der Aufstieg auf den Waldwegen. Ich muss auch keinem Fahrrad oder Auto ausweichen. So ruhig werde ich es im Verlauf des weiteren Tages nicht mehr haben.

Ich erfinde das Spiel „Wo versteckt sich die 70?“

Ich sehe zum ersten Mal Smileys im Profil.

Ich komme unten an. An dieser verwunschenen Villa bin ich gestern erst vorbei gelaufen.

Ich komme zur Lahn und überquere gleich ein Wasserkraftwerk mit Schleuse.

Das malerische Örtchen Dausenau liegt auf der anderen Seite des Flusses.

Es ist Sonntag. Ich teile mir den Weg entlang der Lahn mit vielen Menschen, die Rad oder Roller fahren,  die wandern oder joggen, spazieren gehen oder sich mit Walkingstöcken fortbewegen. Am häufigsten sind Paare auf E-Bikes. Es tummeln sich aber auch ganze Familien oder Leute mit Rennrad auf den manchmal schmalen Wegen.

Es ist heiß. Ich fühle mich, als ob ich eine Wüstenwanderung machen würde, weil Schatten fehlt. „Habe ich überhaupt genug Wasser für diese Spätseptemberhitze dabei?“ Die Erlösung folgt gleich zu Beginn von Bad Ems. Danke für die Spende aus der Heilquelle!

Bad Ems ist der Hammer!!! Ich hatte zuvor keine Ahnung davon. Mit der Bezeichnung „Great Spa Town of Europe“ wurde es 2021 vom UNESCO- Welterbekomitee als Welterbestätte aufgenommen (einer von 11 Kurorten in sieben Ländern).

Es ist heiß, das Handy muss aufgeladen werden und die Blase drückt. Viele  Gründe sprechen für diesen Eiskaffee im Kurpark. Er belebt und erfrischt zugleich.

Auch der Anblick der Fontäne lässt die Hitze vergessen.

Die folgenden zwölf Kilometer verlaufen relativ angenehm. Es gibt immer wieder Schatten und gelegentlich versteckt sich sogar die Sonne. Ich fange langsam an, mich von der Lahn zu verabschieden. Der Fluss erweckt überhaupt nicht den Eindruck, so kurz vor dem Ende zu sein.

„Ein Hausboot ist ja eigentlich wie ein Wohnmobil auf dem Wasser…“ fällt mir bei diesem Anblick ein.

Die Dichte von Schleusen und geparkten Jachten oder Booten nimmt erheblich zu. Manche Wasserfahrzeuge besitzen sogar ein eigenes Törchen.

Ich bin in Lahnstein angekommen und will die Mündung sehen, den Abschiedsschmerz zelebrieren.

Die Lahn spielt da nicht mit, denn sie teilt sich und ein großer Arm entzieht sich meinen Blicken. Ich stehe vor den letzten Metern des vollständigen Flusses.

Dann laufe ich zur Mündung des restlichen Arms und schließe an dieser Stelle nach 12 Tagen meine Lahnwanderung ab. (Aber nicht die Tour 70!) – Es waren einzigartige Erfahrungen, auf die ich bestimmt später noch einmal eingehe. Ich fühle mich ruhig und dankbar.

Auf der Suche nach dem Abendessen gibt es letzte Abschiedsfotos vom Fluss.

Im Alten Rathaus fühle ich mich gut aufgehoben und bedanke mich innerlich bei Konrad, der mir das trotz Krankheit organisiert hat. ❤️

 

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Tour 70 Sondertag und Statistik

Taunus und Westerwald

Warum ist heute ein Sondertag? Weil ich weder an der Lahn entlang wandere noch irgendwelche Schleifen abkürze. Wie kommt das? Eigentlich liegt es am Hotel. Heute ist Samstag und an der Lahn gibt es kein freies Zimmer. Ich hätte eigentlich auch keines mehr gebraucht, sondern direkt nach Lahnstein zur Mündung wandern können.

Aber… Konrad kommt morgen (heute hat er keine Zeit) mit dem Wohnmobil nach Lahnstein und verbringt den Abschluss meiner Lahnwanderung mit mir gemeinsam. Wie schööööööön! Anschließend werden wir vielleicht eine kleine Rheintour unternehmen. Das Wetter ist immer noch unglaublich gut.

Mein Quartiermanager und Konrad in Personalunion haben sich als Überbrückung dieses nette Hotel Taunusblick in dem 4 Kilometer entfernten Hömberg ausgesucht. Was vorher nicht ersichtlich war, ist die Tatsache, dass ich den ganzen Weg, den ich heute dorthin keuche, morgen wieder zurück muss. (300 Höhenmeter sind halt viel für mich, deshalb liebe ich ja das Flusswandern.) Der Rückweg nach Nassau wird eindeutig die beste Lösung sein und mir noch einmal optimal viel Lahn bieten. Egal, jedenfalls entstand so die Idee des Sondertages. Ein Westerwald-Wander-Wagnis sozusagen.

Der Jahrmarkt schläft noch, als ich in einer Bäckerei frühstücke. Heute habe ich aus dem oben genannten Grund nur eine kurze Strecke vor mir. „Ich wandere auch noch zur Burg hoch.“ beschließe ich auf einmal. Das gehört sich doch bei der geschichtlichen Bedeutsamkeit, von der ich seit gestern weiß.

Ich steife noch einmal durch die Stadt und gehe über die Zugseilbrücke. Alles schon bekannt, aber nicht bei diesen Lichtverhältnissen…

Auf dem falschen Weg! Ein paar Meter weiter geht es erst hoch…

Die alte Burgruine liegt lieblos verlassen da, geschmückt mit Bauzäunen. Die einzigen Hinweise bestehen aus Verbotsschildern. Na, das wird sich oben schon aufklären!

Der restliche Weg ist sehr schön. Ich befinde mich wieder auf den beiden Lahnwanderwegen.

Oben bin ich beeindruckt. Der Biergarten öffnet gerade.

Ich habe aber keine Lust auf Einkehr, sondern genieße die Aussicht auf meinem eigenen Plätzchen beim Energietanken. (Mein Handy von der Powerbank und ich von Wasser und Müsliriegeln.) Mir gefällt die Burg, ich fühle mich wohl. Was mag sich hier wohl alles abgespiegelt haben? Mir fällt auf, dass es hier keine einzige Informationstafel gibt (abgesehen vom Hinweisschild des Bundeslandes Rheinland-Pfalz über die Sanierungsmaßnahme Außenanlagen Burg Nassau). Das will ich jetzt wirklich nicht wissen.

Als ich wieder unten an der Lahn bin, sehe ich das erste Passagierschiff (Ausflugsboot), die Aurelia. Leute gehen gerade von Bord.

Nassau hat sich wohl selbst das Thema mit „Schubkarre“ gegeben, egal in welchem Zustand und egal mit welch scheußlicher Bepflanzung. Ich finde, die Stadt hätte stattdessen besser ihre Geschichte präsentieren können.

Sorry, es gibt doch Geschichtsdarstellung, aber nur über eine Person! Der in Nassau gebürtige Freiherr vom Stein kommt in dem nach ihm benannten Park ganz groß raus. Er wird als einer der bedeutsamsten Staatsmänner Anfang des 19. Jahrhunderts beschrieben. Er führte die Bauernbefreiung durch und verfügte Eigenverwaltung in Städten und Gemeinden.

Heute morgen wanderte ich wahrscheinlich noch ein letztes Mal im Taunus. Auf der anderen Seite der Lahn, wo ich mich jetzt befinde, liegt der Westerwald. Es geht steil bergauf. Ich schwitze, es ist heiß in der Sonne. Jede Gelegenheit zur Pause ist mir willkommen. Ich habe Gott sei Dank viel Zeit für den kurzen, steilen Weg.

Eigentlich sehe ich zunächst keinen Unterschied zwischen den beiden Gebirgen. Doch dann betrüben mich die zahllosen toten Bäume und das viele achtlos herum liegende Holz.

Wie ein riesiges Mikadospiel…

„Das darf doch nicht mein Weg sein?“ Ich erschrecke, kann aber Komoot eine Alternative entlocken.

Diese führt mich zu einer Schutzhütte mit Lahnblick, den ich jedoch erst genau suchen muss.

Es wird dann doch noch wahr, ich erreiche den Gasthof Taunusblick, checke ein, bewundere den Blick aus meinem Fenster und falle in einen erholsamen Mittagsschlaf. Danach verlasse ich das Bett erst vor dem Abendessen. Ich verfasse eine Statistik meiner Tour 70, bei der ich den morgigen Tag schätze.


Die durchschnittlichen Kilometer sind etwas niedriger als bei meinen anderen Flusswanderungen. Das kann dem Zufall oder dem Alter geschuldet sein. Allerdings habe ich nicht über Höhenmeter Buch geführt. Die sind vermutlich etwas mehr als bei den letzten Wanderungen.

 

 

 

 

 

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Tour 70 Tag 11

Und wieder lockt die Lahn…

„Die Lahn langmütig lachend langsam lang laufen…“ – bastle ich mir für heute zusammen. Es soll „nur“ 15 Kilometer weit von Laurenburg nach Nassau gehen. Dabei brauchen sich nicht unbedingt die Mundwinkel nach oben zu ziehen, aber die Seele wird lachen, so wünsche ich mir das.

Was sehe ich da kurz nach dem Aufstehen aus dem Fenster? Oh, oh… Der  Herbst macht sich bemerkbar. Die Lahn dampft.

Als ich noch vor zehn Uhr das Hotel verlasse, ist schon alles vergessen.

Selbst in Laurenburg: Hat hier wirklich fast jeder Ort sein Schloss und/oder seine Burg?

Manchmal muss ich einfach über Ortsnamen lachen.

Erst will ich innerlich ein wenig maulen, als ich sehe, dass die B 417 mein Weg sein soll. Aber dann: kein Problem. Der Radweg ist breit und die Sicht auf den Fluss perfekt. Vielleicht wächst hier sogar der Rohstoff fürs Lahnbräu?

Und irgendwann verschwindet die Bundesstraße. Ich komme an eine Schleuse, warte und filme dann fasziniert, wie zwei Paddelboote ausgespuckt werden. „Können wir das Video haben?“ „Klar, aber Ihr müsst erst einmal zu mir kommen!“ Das schaffen sie nicht. Ich sehe eine Weile später, dass sie links an Land gehen. Zu mir geht es aber auf der anderen Seite hoch. Außer Winken ist kein Kontakt möglich.

„Sie erreichen bald einen der schönsten Orte an der Lahn, Obernhof.“ Zumindest die Vermarktung am Wegesrand ist gut. Auf meiner Route durch den Rand des Ortes finde ich nichts, was dieser Selbstdarstellung entspricht. Die Brücke bietet jedoch einen hervorragenden Blick auf den Fluss.

Dann schnaufe ich wieder einen Berg hoch und diesmal habe ich nichts dagegen, denn Kloster Arnstein lockt.

Die Anstrengung lohnt sich wirklich. Ich könnte sogar im Klostercafé einkehren, habe aber keine Lust. Viel lieber nachher auf einer Bank mein Käsebrötchen essen, das ich mir beim Frühstück richten durfte!

Die Wirkung der Klosterkirche wird leider durch Baustellencharme beeinträchtigt. Also jetzt Picknick! Ich finde beim Kloster keinen netten Schattenplatz. Dann halt weiter bis zur nächsten Bank!

Runter ist wieder viel angenehmer. Die Lahn schimmert rechts zwischen den Bäumen durch.

Im Hintergrund sehe ich noch einmal das Kloster und das Schloss Langenau auf der anderen Flussseite.

„Kommen Sie hierher, da haben Sie die perfekte Aussicht!“ „Danke!“ Ein Ehepaar sitzt auf „meiner“ nächsten Bank. Soll ich sie fragen, ob ich mich dazu gesellen darf oder geduldig weiter laufen?
„Wollen Sie sich zu uns setzen?“ „Ja, gerne!“ Und es ergibt sich wieder eine Dreiviertelstunde lang eines der Gespräche, die ich so schätze. Hauptthema: „katholische Kirche“ und der Auslöser ist TvE, der ehemalige Limburger Bischof. Wir sind uns in allen Punkten einig.

Nassau kommt immer näher. Schon wieder eine Burg!

Aber ja, der Namen „Nassau“ ist ganz bekannt im Zusammenhang mit Fürstenhäusern. Ich lese: „Die Burg (oben) ist Wiege europäischen Hochadels und das Schloss (in der Stadt) gehört der Reichsritterfamilie vom und zu Stein, beziehungsweise deren Nachkommen.

Der Name kommt mir aber auch durch meinem Vater bekannt vor. Der pflegte zu fragen: „Wisst Ihr was Nassauen ist?“ „Wenn einer zum Essen eingeladen ist und er die ganze Familie mitbringt, damit sie sich auf Kosten des Gastgebers sattessen kann. Das ist Nassauen!“
Erst hier vor Ort recherchiere ich, woher der Begriff eigentlich kommt. Ich lese die Geschichte dazu: Von 1817 bis 1892 hatte das Herzogtum Nassau keine eigene Landesuniversität. Die Uni Göttingen musste herhalten. In Absprache mit den Gastronomen stiftete der gütige Herzog Wilhelm einen Freitisch für arme studierende Landeskinder. Aber auch andere arme Studenten gaben sich als Nassauer aus und setzen sich an diesen Freitisch.
„Nassauen“ meint seither: sich auf Kosten anderer ohne Gegenleistung aushalten lassen.

Ich habe aufgrund ihrer Bekanntheit eine gediegene, selbstbewusste Stadt erwartet. Stattdessen beginnt heute das wichtigste und einzige Fest des Jahres, der Michaelsmarkt.

Ich sehe nur Trubel statt Gediegenheit. Was diese kleine Stadt da so auf die Beine stellt! Bei aller Berühmtheit gibt es hier nur 4800 Einwohner:innen (allein Jettingen hat ja schon über 8000).

Ich esse auf der Terrasse des Gasthauses Zur Krone, in dem ich auch übernachten werde. Mir geht es gut. Ich brauche kein Volksfest und keinen Trubel. Aber es gefällt mir schon, durch der Luftballonstart und die angenehme Musik der Blaskapelle ein wenig in das Fest einbezogen zu werden.

 

 

 

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Tour 70 Tag 10

Lang der Lahn lang laufen

… das kostet meine Unterbringung heute Nacht mit Frühstück (am Ende mehr dazu).

Als Vorbereitung für den Tag kreiere ich den obigen Zungenbrecher. Die Entscheidung war heute klar: die Radeinstellung führt mich weitestgehend am Fluss entlang, während die Wanderoption mich 400 Meter hoch und runter schickt.

Aber zuerst gehe ich noch kurz in die Stadt und frühstücke in einer Bäckerei.

Dann geht es los. Der Weg verläuft auf der Industriestraße bis zum Ende der Stadt. Als ich gleichzeitig in den Ort Diez komme, verlasse ich Hessen und betrete Rheinland Pfalz. Kein Hinweis, keine Begrüßung!

Die ersten paar Kilometer sind öde. Der Bahnhof Diez erweist sich als Lost Place, wie schade!

Der Rest des Ortes wirkt auch nicht viel fröhlicher. Das mag aber auch daran liegen, dass ich ihn mit dem rausgeputzten Limburg vergleiche und die Sonne sich noch nicht ganz heraus traut.

Immerhin, die Stadt weist Burg, Schloss und hübsche Fachwerkhäuser auf!

Und dann hurra, endlich die Lahn!

Ich falle an diesem Uferweg in den erwünschten meditativen Wanderzustand.

Die Rohstoffe der Region wurden aus den umliegenden Gruben teilweise direkt zu den Lastschiffen gebracht. Dazu gab es Verladestationen, von denen heute nur noch hässliche Betonwände zu sehen sind.

Ich lebe in friedlicher Koexistenz mit Radler:innen. Auf einmal gibt es vor einem Schild eine Ansammlung. Ist die Brücke gesperrt oder nicht? Und wenn nein, warum ist dann dieses Verbotsschild aufgestellt? Ein Experte verkündet, dass die Brücke frei sei und alle fahren mehr oder weniger zögerlich los. Meine Füße fangen auch wieder an sich zu bewegen.

Dann ist es Zeit für die Mittagspause, ein sehr zentrales Bänkchen. Grüße werden ausgetauscht mit Radler:innen und Wandervögeln. Selbst eine Joggerin kommt mir entgegen. „Guten Appetit!“ „Danke!“ „Kommen wir wirklich auf der Brücke nach Balduinstein rüber?“ „Es heißt ja!“

Ich habe auch die Lahn im Blick und den „lebhaften“ Verkehr auf dem Wasser. (Das war alles in einer Dreiviertelstunde.)

„So einen tollen Platz würde ich auch gerne mal für unser Womo finden!“ Mein Gegenüber lacht freundlich. „Ich darf hier nur zum Angeln stehen.“ „Habe ich mir fast schon gedacht.“

Kurz vor der Brücke noch einmal Drohgebärden, die mich stark beeindrucken. Es geht dann doch! Was soll das ganze Theater (zumindest jetzt, wo der Weg noch passierbar ist)?

Es gibt eine großen Parkplatz für Reisende zur Burg. Balduinstein ist ein kleiner Ort mit mindestens drei beeindruckenden Hotels, von denen leider mindestens zwei für immer geschlossen haben. Ansonsten gibt es altes Gemäuer. Wer hat schon einen solchen Turm im Garten?

Ich mogle: Eine Lahnschleife wird abgekürzt und ich muss dafür ewig diese Kreisstraße hoch keuchen. Zwischendurch gibt es kurz schöne Aussicht. Bergab wird es dann angenehmer und ich bin erleichtert, als ich nach Überquerung einer Fußgängerbrücke wieder auf den Lahnweg gelange.

Die letzten drei Kilometer ereignet sich nichts Besonderes mehr. (Es ist wirklich nichts Besonderes, dass mir langsam wieder die Füße weh tun und ich gerne schneller am Ziel wäre.)

Ich komme in mein Hotel und da erlebe ich dann etwas Besonderes, nämlich eine (Alp)traumreise in die Vergangenheit. Die Einrichtung hilft mit, wahlweise dreißig bis fünfzig Jahre alte Erinnerungen wachzurufen. Eigentlich doch schön? Aber damals störte mich beispielsweise noch nicht, dass es kaum Steckdosen in einem Zimmer gab. (Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, dass ich bei einer Langstreckenwanderung gezwungen sein würde, jeden Abend drei Geräte aufzuladen.) Ich hätte kein Nachttischchen am Bett oder gar Licht, nein nicht einmal einen Lichtschalter erwartet. Ich wäre mit diesen Scheußlichkeiten in Blau völlig zufrieden gewesen.

Dann setzte ich mich auf die Terrasse mit den Stühlen, deren Bespannung teilweise brüchig geworden ist, und schaue auf den dunkelgrünen Fluss herunter.
Meine Tochter ruft mich an, als ich anfange mich zu entspannen: genau der richtige Zeitpunkt! Es ist alles gut so.
Ich bekomme sogar eine Ofenkartoffel mit frischem Salat zum Essen, so wie ich es liebe. Die Leute verstehen mein Deutsch zwar nicht immer auf Anhieb, aber sie sind sehr freundlich.

Jetzt liege ich in meinen Einzelbett und fühle mich, als ob ich vor den Eltern hätte schlafen gehen müssen und sie später noch kommen würden.
Ach, wie bin ich verwöhnt, nach den hervorragenden Unterbringungen seit Beginn meiner Wanderung! Aber – ach, eigentlich macht mir das überhaupt nicht viel aus. Die Bilder des Tages, die schönen Erinnerungen genügen mir gerade voll und ganz…

 

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Tour 70 Tag 9

Volles Programm…


Eigentlich denke ich heute Morgen, ich würde nur meditativ auf einem Leinpfad gute neun Kilometer bis nach Limburg vor mich hin trotten, plus ein wenig Sightseeing vor Ort.

Weit gefehlt…

Schon die Burg Runkel überrascht mit einem ersten Highlight, nachdem ich mich  geduldig die Stufen bis ins Tal hinunter gearbeitet habe.

Natürlich nehme ich mir keine Zeit für eine Besichtigung. Wäre aber bestimmt nett gewesen!

Runkel ist ein alter Ort, der mit vielen Infotafeln und hübschen Fachwerkhäusern beeindruckt und wohl zu seiner Burg passen möchte. Ich finde aber nicht, dass alles ein stimmiges Ensemble ergibt, sondern hätte gerne weniger Baustellencharm, Verfall und mehr florierendes Leben gesehen. Die Stadt scheint in der Vergangenheit stecken geblieben zu sein. Apropos Vergangenheit: Dieser Audi 100 versetzt mich in meine Vergangenheit, in der wir noch einen Audi 80 besaßen.

Komoot scheint nach dem Ärger von gestern wieder etwas gut machen zu wollen. Das Programm ignoriert trotzdem Vorstellungen vom Leinpfad und schickt mich wieder auf eine populäre Wanderweg-Route. Ich begreife, dass ich erneut die Wanderstöcke auspacken muss.

Der Weg führt an einem jüdischen Friedhof vorbei, auf dem ich willkürlich Gräber mit Sterbejahren aus dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert auswähle und betrachte. Es gibt keine Infotafel zu geschichtlichen Hintergründen.

Geht denn jetzt schon wieder das Wegesuchspiel los? Ich will mich schon aufregen, da fällt mir ein, dass ich ja selbst runter zur Lahn wollte und das entsprechend eingegeben habe. Diesmal komme ich vorsichtig weiter, kann zwar manchmal nur mit Mühe eine Art Weg erkennen, aber Hindernisse scheinen durchgesägt oder weggeräumt zu sein.

Einen Leinpfad gibt es hier nicht, aber einen bezaubernden Weg durch den Wald, auf dem ich immer wieder auf die Lahn herunter blicken kann.

Dann hört die Idylle auf, weil eine Lahnschleife abgekürzt wird. Ich komme am Annakirchlein vorbei, an dem Pilger wieder eine Stempelstelle vorfinden.

Hallo Fluss, da bist du ja wieder!

Limburg in Sicht!

Bereits Sightseeing auf dem Weg ins Hotel…
Nachdem ich eingecheckt habe, überfällt mich die Müdigkeit und ich gönne mir ein Schläfchen. Dabei bin ich doch „nur“ 12 Kilometer unterwegs gewesen gewesen!

Limburg kommt mir vor wie eine Puppenstube, an der gelegentlich noch etwas rumgebastelt wird.

„Tebartz van Elst“: Dieser Name liegt hier in der Luft. Ich höre ihn mehrere Male, beispielsweise von dem freundlichen Herrn an der Rezeption, von der Dame im Geschäft, von Touristen, die an mir vorbeilaufen oder von Männern am Nebentisch im Restaurant. Es ist, als ob der Dom sich schämen würde. Wirklich traurig, wie diese reizende Stadt zunächst einmal auf einen maßlos verschwenderischen Bischof reduziert wird. „Goldene Wasserhähne!!!“

Doch der Dom zeigt sich noch von anderen Seiten.

Ich fühle mich hier wohl.

Es ist Zeit fürs Abendessen: eine äußerst schmackhafte vegetarische Burggartenpfanne.

Dann zieht es mich zurück in mein Hotel in der Nähe des Bahnhofs. Ein wirklich abwechslungsreicher Tag liegt hinter mir: volles Programm! Am Ende haben mich meine Füße 16 Kilometer weit getragen. Das macht müde und zufrieden.

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Tour 70 Tag 8

Pfadsucherin…

Soll ich heute die Fahrradroute mit einer Distanz von 14 Kilometern und 220 Metern Aufstieg wählen oder die Wanderroute mit 18,8 Kilometern und 320 Meter bergauf? Ich kann mich lange nicht entscheiden und wähle dann die weniger anstrengende Option.

Gleich stoße ich auf das erste Hindernis: Da darf ich als Fußgängerin nicht durch. Komoot dreht durch, als es mir eine Alternative vorschlagen soll. Das Programm ist mit Weilburg ohnehin schon überfordert. Ich zögere und drehe um.

Mir bietet sich noch die Möglichkeit, ein paar Fotomotive im Sonnenschein zu bewundern. Doch wie weiter? Da sammle ich plötzlich Argumente für eine Tour im Taunus oder Westerwald, jenseits von Straßen und Ortschaften:
– Heute ist noch bestes Wanderwetter voraus gesagt. (Wie habe ich das schon wieder verdient???).
– Ich bin mittlerweile durchtrainiert und gestern machten mir die Höhenmeter nicht mehr viel aus.
– Ich mag das Wandern auf Waldwegen.
– Ich habe keinen Zeitdruck.
…Also klare Entscheidung: Wandereinstellung bei Komoot.

Schon wieder ein Hindernis gleich nach dem Start: Wie komme ich jetzt über die Lahn? Alternativroute! Komoot führt mich an dem Apartment vorbei, in dem ich übernachtet habe. Okay, 45 Minuten und keinen Meter voran gekommen, super! Meine Stimmung entspricht aber dem schönen Wetter und lässt sich von solchen Irrungen nicht runterziehen.

„Komoot, kann ich nicht auch diesen Pfad runter laufen und dann die Treppen nehmen?“ Ich widersetze mich erfolgreich dem ursprünglichen Vorschlag an der Hauptstraße und verkürze die Route. – Komoot und Weilburg, das passt einfach nicht zusammen!


Schiffstunnel und Schleuse

Wandertraum Leinpfad! Nur gelegentlich kommen Leute auf ihren Fahrrädern vorbei.

Ich werde längs über einen Campingplatz navigiert und lande amEnde auf einem kleinen Pfad, der wie ein Hindernisparcours auf mich wirkt. „Hoffentlich wird mir von den Baumstämmen nicht nachher der Weg ganz versperrt, so wie damals in Österreich!“

„Ohje, das ist so überhaupt nicht nach meinem Geschmack!“ Und dabei meine ich nicht einmal den steilen Anstieg, sondern diese Brücke über ein Bächlein.
Wie gut, dass mich niemand dabei beobachtet, wie ich mit Hilfe meiner Wanderstöcke Zentimeter um Zentimeter auf dem Hindernis voran komme.

Dann habe ich es geschafft. Ein kleiner Richtungswechsel und ich lande auf einem moderaten Waldweg. Die Luft, die verschiedenen Geräusche der Vögel, die Einsamkeit – all dass berührt mich. Ich gerate in diesen meditativen Zustand, der durch die Gleichmäßigkeit der angenehmen Umgebung ausgelöst wird.

Mein Mittagspausenplatz…

Vom Lahnhöhenweg aus kann ich gelegentlich auf den Fluss herunter sehen.

„Ist das wirklich noch mein Weg?“ Immer häufiger stelle ich mir diese Frage. Ich laufe drei Mal zu weit und kehre unbeschwert um. Jeweils nur ein paar Meter. Ich habe doch Zeit und mir geht es gut! Dann kontrolliere ich nach jeder Abzweigung, ob ich noch richtig bin. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt. (Steigungen ziehen sie sowieso schon ziemlich runter.)

Was soll das? Komoot verfälscht auf einmal Richtungen, ja erdichtet sogar einen entscheidenden Weg. Auf einmal irre ich im Wald. Bei einer Gabelung mit drei Möglichkeiten, passt am Ende keine (nachdem ich sie alle ein Stück weit ausprobiert habe.)

Ich habe heute die Ruhe weg, aber trotzdem kommt der Punkt, an dem es mir reicht. Ich verliere die Freude an den Waldexperimenten. Auf der Karte sehe ich, dass ich auf die Alte Runkler Landstraße zusteuere. Also Schluss mit Idylle, ich will jetzt auf kürzestem Weg zum Landhaus, in dem ich übernachten werde!!!

Komoot ist beleidigt und zeigt mir nicht einmal mehr die verbleibenden Kilometer nach Runkel, beziehungsweise Schadeck an. Die Apfelmappen zeigen sich solidarisch und geben auch keine Details preis.
Was – nur 12 Kilometer seit Weilburg? Ich habe mittlerweile fast 20 Kilometer hinter mir.
Egal, ich komme müde aber zufrieden ans Ziel und werde wieder hervorragend umsorgt.

Ich war heute 24 Kilometer unterwegs. Bei all dieser Pfadsucherei bin ich nicht in Panik verfallen und habe mir den Tag nicht verderben lassen. Meine Freundschaft mit Komoot wurde jedoch mehrere Male infrage gestellt. Und morgen wird es definitiv keine Waldwanderung geben!

Wenn ich auf diesen Tag zurück blicke, dann fallen mir sofort der traumhafte Leinpfad und die wunderbare Zeit im Wald ein. Ich sah stundenlang keinen Menschen, keinen Müll, keine Bebauung (nur von oben). Die Irrwege haben eher geringe Bedeutung in meiner Erinnerung. Es war wieder ein gelungener Tag!

 

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Tour 70 Tag 7

Tag der Schlösser

Obwohl es heute bergauf – bergab gehen wird, nehme ich mir erst einmal Zeit fürs Sightseeing vor Ort. Die Silhouette des Schlosses Braunfels, die gestern immer wieder im Abendlicht über Häusern und Gärten auftauchte, hat mich neugierig gemacht.

Der steile Anstieg lohnt sich. Ich fühle mich in eine märchenhaften Kulisse versetzt. Seit 1875 besitzt das Schloss diesen unverwechselbaren Charakter.

Hier wurde übrigens 2008 der Märchenfilm König Drosselbart gedreht. Seither hat sich bestimmt nicht viel verändert.

Als ich runter zum Ort laufe, umgibt mich immer noch Märchencharakter.

Braunfels  gilt mit seinem Schloss als eine der schönsten und romantischsten hessischen Kleinstädte. Das hätte ich nicht erwartet! Ich lasse das Flair im Sonnenschein auf einer Bank am Marktplatz wirken und lade erst einmal in Ruhe meine Handy auf. Nach so vielen Fotos…

Jetzt aber los! Ich will nach Weilburg. Die Wirtin erzählte mir schon gestern, dass viel Gäste dorthin wandern.

Ich bin heute vorwiegend auf bekannten Wanderwegen durch den Taunus unterwegs. Sie wechseln ab oder überschneiden sich: beispielsweise Lahnwanderweg, Lahnhöhenweg oder Jakobsweg.

Schloss Braunfels im Bilderrahmen…

Dieses Flatterband (links oben) gefällt mir überhaupt nicht! Baumfällarbeiten – Baumaßnahmen – Tiere …? – Ich muss hier durch, sonst hätte einige Kilometer Umweg! Risiko – warum schreiben die auch nichts dazu? Bestimmt war am Wochenende Treibjagd und die haben vergessen, die Sperre zu beseitigen! Ich laufe meinen Weg hinter dem Flatterband weiter. Mit schlechtem Gewissen und extrem geschärften Sinnen wandere ich 2,8 Kilometer und… NICHTS!!! Ich atme auf, als der Wald am Horizont hell wird und mein Weg auf einen Feldweg mündet. Nicht einmal ein Flatterband auf der anderen Seite und keine Adresse für eine Beschwerde…

Eigentlich habe ich schon ganz viel geschafft…

Hier stand einmal eine Wallfahrtskirche und es sollen noch Reste existieren. Ich erkenne überhaupt nichts, außer einem Altar (Stein mit Platte) und einem Kreuz. Die vielen Bänke,  die um dem ehemaligen Kirchengrundriss stehen, wirken sehr einladend. Es gibt auch eine Stempelstelle für Jakobsweg-Pilgerinnen.
Ich spüre eine besondere Atmosphäre. Gerade setze ich mich auf eine Bank für die Mittagspause, da gesellen sich Hund Janosch und sein Herrchen zu mir. Eine Begegnung, so wie ich es liebe! Wir unterhalten uns eine halbe Stunde lang über Fernwanderungen. Mein Gesprächspartner schaffte einmal 1000 Kilometer mit Übernachtungen im Wald. Respekt, andere Liga! „Es gibt keine richtigen und keine falschen Wanderungen!“

Immer wieder Erinnerungen an den Bergbau…

Im frühen 18. Jahrhundert wurde ein Hofgut zum Jagdschloss Windhoff umgebaut. Im frühen 20. Jahrhundert war es Schule, dann ein Ort, an dem Lehrkräfte ausgebildet wurden und heute dient es als Studierendenwohnheim der FH Weilburg-Hadamar. Kein Märchen, sondern nüchterne Altbauzweckmäßigkeit…

Dann bin ich wieder an der Lahn und sehe auf Schloss Weilburg – eine der bedeutendsten barocken Schlossanlagen Hessens.

Es bedeckt fast die Hälfte der Altstadt, aber das ist mir im Moment völlig egal. Jetzt nur noch wenig essen – Gott sei Dank hat das Café Altes aRthaus am Montag nicht die Türen geschlossen, wie so viele anderen. Dann kehre ich hundemüde in mein Apartment zurück und blicke wieder auf einen sehr erfüllten Wandertag zurück.

 

 

 

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Tour 70 Tag 6

Nicht nur Schönwetterwandern…

Da ist doch mit viel Fantasie wirklich eine 70 zu erkennen?

Nicht Eyecatcher, sondern Eyetest an der Wand dieses Firmengebäudes!
Ich bin froh, dass ich ganz leicht alles erkennen kann. Oh, da sind ja noch kleinere Aufgaben – habe ich überhaupt nicht gesehen. Firma Oculus – Optikgeräte GmbH – lässt mich trotzdem ohne neue Brille vorbei ziehen. (Es ist ja Gott sei Dank Sonntag und hier arbeitet gerade niemand.) 

Auch heute bin ich auf wechselnden Wegen unterwegs. Ich schaue, dass ich so schnell wie möglich nach Wetzlar komme. Meine Wirtin hat empfohlen, mir Zeit fürs Sightseeing zu nehmen und es ist Regen angesagt.

Guter Tipp!

Uhhh, schon wieder eine Schlange!

Mir gefällt Wetzlar!

Im Dom ist gerade der Sonntagsgottesdienst zu Ende gegangen. Die Konfirmant*innen müssen sich noch die Teilnahme abstempeln lassen.

Dann geht es über die Alte Lahnbrücke wieder aus der Stadt heraus.

Ich überquere die Dill, kurz bevor sie in die Lahn mündet. Einen Unterschied zwischen beiden Namensgeberinnen des Lahn-Dill-Kreises hätte ich nicht erkannt.

Das harmlose Tröpfeln der letzten Stunden wandelt sich in leichten Regen.
Ich befinde mich auf der Bergmannsroute am Lahnwanderweg. 1862 wurde die Deuz-Giessener Eisenbahn gebaut. Damit wurden die Transportprobleme des Eisenerzes ab Wetzlar und der Kohle nach Wetzlar gelöst. Ein Jahr später entstand hier die Lahntalbahn nach Koblenz, wodurch der Anschluss an das Saarland und das Elsass ermöglicht wurde.
Die damaligen Grubenbesitzer waren recht froh darüber. Und ich freue mich, dass ich unter dieser historischen Brücke ein wenig Schutz vor den Regentropfen finde.
Angesichts des durchgehenden hervorragenden Wanderwetters seit Beginn meiner Tour, lasse ich keine Klagen in mir hoch sprudeln. Immerhin friere ich nicht und die Nässe geht nicht bis auf die Haut, Luxusregenwetter!

Ich komme bei der Reminiszenz an die Solmer Grubenbergbahnen vorbei. Diese „Drahtseilakte“ dienten dem Transport vom Eisenerz aus den Gruben. Seit 1983 ist der Betrieb dieser Seilbahnen eingestellt, weil LKWs billiger geworden sind.

Wasserkraftwerk und Schleuse Oberbiel

Kurz nach Überquerung beider Lahnabzweigungen finde ich an einer überdachten Bushaltestelle Regenschutz auf einem Bänkchen. Hier kann ich in Ruhe das Handy aufladen und meine weitere Route planen. Ich will definitiv bei diesem Wetter nicht – wie vorgeschlagen – an der Landstraße entlang laufen. Die Alternative ist komplizierter. „Was ist, wenn es zu nass für das Handy wird? Wie soll ich dann den Weg finden?“ Die Pessimistin in mir will nörgeln. „Bist du schon irgendwann nicht weiter gekommen oder hast du ein Handy jemals wegen Regens geschrottet?“ Die Vernunftstimme wird recht behalten. Der Regen behindert meine Navigation in keinster Weise. Er lässt nach oder hört immer wieder ganz auf.

Und als ich zum Schluss den steilen Anstieg zu meinem Ziel Braunfels bewältigt habe, da strahlt sogar die Sonne. Sie scheint völlig unschuldig auf mich runter zu grinsen.

Im Familienbetrieb Brauhaus Obermühle werde ich herzlich begrüßt und bestens kulinarisch versorgt. Ich finde ein riesiges Appartement vor, fast wie in Amerika.

Heute war viel geboten und ich kam letztendlich auch mit dem Wetter klar. Es ist wunderbar, dass das hier Wirklichkeit ist und kein weichgespültes Filmsetting.

 

 

 

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