Es läuft…
Die Siebzig des Tages – mehr zeigt sich heute nicht…
Frühstück:
Eigentlich sollte ich verärgert sein! Nichts Besonderes – viel Plastik… Aber das alles wurde mit Liebe und Freundlichkeit präsentiert, hier im Hause des Professor Müller, dem dies alles das Ende des 19. Jahrhunderts gehörte. Schon vor meiner Geburt wurde aus dem Anwesen ein Hotel. So kommt es, dass ich den Eindruck habe, in einer anderen Zeit zu schweben (in der es noch keine Plastikverpackungen gab). Ich werde gefragt, ob ich auch Wurst, Schnittkäse oder Ei möchte und gebeten mit ein Proviantpaket zu packen. Wie soll ich da böse sein!
Sightseeing by the way:
Es sieht so aus, als ob es (wie in Tübingen) auch in Marburg eine Oberstadt für die Professoren und andere Reiche gegeben hat und eine Unterstadt für die Handwerker, beispielsweise Gerber.
Langsam entferne ich mich von der Stadt. Ich laufe parallel zur Lahn. Der Krach der großen Straße, die sich hinter der „Lärmschutzwand“ verbirgt, ist mir ziemlich egal.
„Ich bin wieder auf dem Damm!“ Nicht nur im übertragenen Sinn, sondern ich laufe jetzt auch auf dem ersten Hochwasserschutzdamm meiner diesjährigen Wanderung.
Ich laufe, meine Beine laufen, es läuft… Ich beobachte, wie ich mich selbst immer mehr vergesse und gelegentlich in einen fast meditativen Zustand falle. Ich schaue immer weniger unnötig aufs Handy um die verbleibenden Kilometer zu ermitteln. Geduld und Gelassenheit wachsen Kilometer um Kilometer. Und dann…
Ohje, nicht schon wieder! Sollte ich den Hinweis ignorieren? Nein, denn ich bin noch nicht so verzweifelt wie vor zwei Jahren. Doch nach einer Weile, als auf einer Kreisstraße zu viele Autos an mir vorbei gerauscht sind, will ich wieder auf den Radweg. Ich sehe ihn rechts neben mir, ich sehe ihn auf Komoot, aber ich sehe keine Möglichkeit dorthin zu gelangen.
Sind Leitplanken und Abhänge wirklich unüberwindbar? Nein, nicht für mich in diesem Moment. Ich hieve meine Beine wie ein junger Mensch über die Barrieren und finde an der geduldigen kleinen Birke Halt für die Überwindung des Hangs.
Hinterher stellt sich heraus, dass nur eine Brückensperrung das Problem war, das vor Ort problemlos lösbar war. Ärgern? Nein heute nicht so sehr… Aber beim nächsten mal vielleicht mehr riskieren?
Beim archäologischen Freilichtmuseum Zeiteninsel lege ich meine erste Pause ein. Immerhin habe ich schon fast die Hälfte des heutigen Weges geschafft. Den Zaun vor meiner Nase sehe ich mit der Zeit überhaupt nicht mehr, sondern nur die Schwäne und die prähistorischen Nachbauten.
Wechselnde Wege, Sonne und Wolken – was will ich mehr an diesem perfekten Wandertag!
Und mit dem Fluss fühle ich mich mehr und mehr verbunden.
Dann erwartet mich ein Lost Place: Haus Immenheim. Was mag in den beiden Räumen wohl früher los gewesen sein?
Heute bin ich fröhlich, als ich durch die Ortschaften laufe.
Eine harmlose Schlingnatter (laut Google Lens) liegt regungslos auf meinem Weg.
Was reimt sich auf Dollar?
Eigentlich sollte ich ja nicht über Ortsnamen scherzen, aber so kann ich mir mein heutiges Ziel zumindest gut merken.
Kurz vor meiner Ankunft fühle ich mich am Kirchberg (Ortsteil von Lollar) in eine andere Zeit verzaubert.
Ich schlendere dann weiter zu meinem Hotel, werde herzlich italienisch empfangen und danach auch von der Verwandtschaft gut bewirtet.
Beim Sightseeing im Ort stelle ich fest, dass ich eigentlich nichts Interessantes suche. Auch hier findet mich wieder das Thema „Hütte“: Die Gründung der Main Weser Hütte war wahrscheinlich 1854. Danach folgte ein weltweiter Erfolg für einige der Produkte. Die Hochöfengruppe wurde 1907 stillgelegt. Es bleibt Lollar der Gichtturm als Erinnerung und lokales Wahrzeichen.

Es läuft: Seit heute spüre ich wieder meine Wanderbegeisterung – und jetzt ganz ohne große Erwartungen! Der Muskelkater ist weniger geworden, beim Laufen denke ich manchmal überhaupt nicht mehr daran. Ich war heute weniger verkopft und mehr mit meinen Wegen verschmolzen, so wie ich es mir ursprünglich gewünscht hatte.














